Zitronensorbet oder süsse Vermicelles. Fast jeder dritte Schweizer leidet Qualen beim Genuss dieserKöstlichkeiten. Auch Wärme und Kälte können in solchen Fällen einen stechenden Schmerz verursachen.Ursache sind Karies oder undichte Füllungen, immer häufiger jedoch freiliegende Zahnhälse durch eine übertriebene Zahnpflege. Annette Wiegand vom Zürcher Uni-Zentrum für Zahnmedizin sieht in ihrer Praxis manchmal Menschen, «die sich das Zahnfleisch durch den mechanischen Druck der Zahnbürste richtiggehend von den Zähnen runterputzen.» 

Gesunde Zähne sind vom Zahnschmelz überzogen, der härtesten Substanz im menschlichen Körper. Die Schicht reicht bis zum Zahnfleischrand. Bei sensiblen Zahnhälsen liegt dieser empfindliche Rand frei und mit ihm feine Kanäle (Dentintubuli), die bis zum Zahnnerv reichen und mit Flüssigkeit gefüllt sind. Äussere Reize wie Luft, Hitze, Kälte oder Süsses verursachen eine Bewegung dieser Flüssigkeit und damit Schmerzen. Je mehr Dentintubuli freiliegen, desto ausgeprägter sind die Symptome.

Paradoxerweise trifft der Verlust von Zahnschmelz vor allem die Gesundheitsbewussten: Um Karies zu vermeiden, putzte sich eine Patientin von Annette Wiegand nach dem Genuss von Fruchtsäften jeweils kräftig die Zähne. Die beginnenden Zahn-Erosionen durch Fruchtsäure und mechanischen Druck nahm die Patientin als Verfärbung wahr, worauf sie den Zähnen mit einer grobkörnigen Raucherzahnpasta zu Leibe rückte. Nach wenigen Wochen hatten die Zähne nicht nur an Substanz verloren, auch die Zahnhälse lagen frei und schmerzten. 

Ein besonders krasses Beispiel: Nach einer Apfelessig-Diät über eineinhalb Jahre hatte eine junge Frau mit Essstörung nur noch fünf eigene Zähne im Mund und sogar die waren kaputt. Verbreitet sind Zahn-Erosionen zudem bei Bulimiepatienten, weil durch das häufige Erbrechen ständig Magensäure die Zahn-Innenflächen umspült. Unter dem gleichen Problem leiden auch Menschen mit saurem Aufstossen, der Refluxkrankheit, ferner Patienten mit einer verringerten Speichelproduktion.

Neue Lebensgewohnheiten??

Solch krasse Fälle sind Ausnahmen, aber die Zahn-Erosionen nehmen durch veränderte Lebensgewohnheiten zu. Der Trend geht hin zu mehreren kleinen Mahlzeiten täglich. Und der Konsum von sauren Softdrinks wie Cola, Fanta oder Sportgetränken hat sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Das setzt die Zähne einem ständigen Säureangriff aus. «Weitaus am schädlichsten für die Zahnsubstanz sind aber Energy-Drinks wie Red Bull», mahnt Adrian Lussi. Der international anerkannte Zahn-Experte der zahnmedizinischen Kliniken der Universität Bern hat die Erosionswirkung von 60 Getränken wissenschaftlich untersucht.

Die präventive Zahnmedizin setzt sich infolgedessen immer weniger mit Karies auseinander. Sie hat durch Früherkennung und Behandlung deutlich abgenommen, während die Anzahl dentaler Erosionen und schmerzender, freiliegender Zahnhälse steigt.??Abhilfe schafft nur die richtige Zahnhygiene und dabei sollte man sich von einigen Gewohnheiten verabschieden. Die Zahnbürste sollte weich sein, geputzt wird ohne Druck. «In der Regel reicht es, die Zähne zweimal täglich zu putzen», sagt Annette Wiegand. Erosionspatienten rät sie, die Zähne vor dem Essen zu putzen. Da Zinn und Fluorid eine schützende Schicht auf dem Zahn bilden, sollten sie in der Paste enthalten sein. Fluorid wirkt zusätzlich gegen Karies.

Entgegen der häufig geäusserten Meinung bringt es nichts, nach dem Essen 30 bis 60 Minuten mit der Zahnpflege zu warten. «Dadurch erhöht sich höchstens die Kariesgefahr», ergänzt Adrian Lussi. Berner Studienergebnisse zeigen, dass man nach dem Genuss von Orangensaft mehrere Stunden mit der Zahnreinigung warten müsste, um Abrasionen zu vermeiden. Der Experte empfiehlt stattdessen, den Mund nach der sauren Attacke mit einer zinn- und fluoridhaltigen Lösung zu spülen.

Fluoridgels helfen??

Von neuen Zahnpasten mit den Wirkstoffen Calcium-Sodium-Phosphosilikat oder Recaldent, die versprechen, den Zahnschmelz zu reparieren, sollten Konsumenten aber die Finger lassen. Eine im November 2010 im «Journal of Dentistry» publizierte Studie, an der auch Adrian Lussi mitgearbeitet hat, widerlegt eine solche Reparaturwirkung.

Schmerzen die Zähne bereits unangenehm, kann der Zahnarzt Desensibilisierungslacke und -pasten anwenden, der Patient selber Fluoridgels. Sind die Schädigungen gravierend, kann der Arzt den schmerzenden Zahn mit Kompositfüllungen schützen.??Falls das Zahnfleisch sehr stark zurückgegangen ist und der Betroffene an diesem vorwiegend kosmetischen Problem leidet, kann die Transplantation von Bindegewebe oder Schleimhaut aus dem Gaumen helfen. Der Eingriff ist allerdings aufwendig: «Das transplantierte Zahnfleisch kann beispielsweise absterben, oder es kann sich erneut zurückziehen, wenn die Ursache für den Zahnfleischrückgang fortbesteht», erklärt Philipp Sahrmann von der Klinik für Parodontologie der Universität Zürich. Deshalb heisst es: regelmässig den Zahnarzt aufsuchen und die Zähne richtig pflegen. Dann braucht es solch einschneidende Massnahmen meistens nicht.

Quelle: NZZ am Sonntag vom 23.1.2011