Die Schweizer haben immer weniger Löcher, sagt der Bülacher Zahnarzt Alessandro Devigus. Dafür ist der Zahnschmelz der Jungen öfter kaputt. 
Interview: Sibille Schärer (Zürcher Unterländer vom 8.9.2011)

 

«Noch immer haben viele Angst vor dem Zahnarzt», sagt Alessandro Devigus. Bild: jb
Was fasziniert Sie daran, anderen Menschen in den Mund zu schauen?

Alessandro Devigus:* Zahnarzt ist ein handwerklich orientierter Beruf. Wen das Handwerkliche und die Medizin fasziniert, der kann Chirurg oder Zahnarzt werden. Ich habe die Zahnmedizin gewählt, weil ich so schneller ins Berufsleben einsteigen konnte. Aber wir schauen den Patientinnen und Patienten ja nicht nur in den Mund, wir betrachten den ganzen Menschen. 

Und was bedeutet das konkret?

Wir sehen viele Patienten häufiger als der Hausarzt. Im Mund lassen sich gewisse Krankheiten erkennen – zum Beispiel Diabetes am Zahnfleisch oder Krebs an Veränderungen der Schleimhaut. Heute haben wir für eine Gesundheitsberatung Zeit, weil wir weniger mit Karies beschäftigt sind. Die Prävention, mit welcher die Schweizer Zahnärzte in den 60er-Jahren begannen, wirkt. 

Das heisst, Sie verrichten heute weniger wirkliche Zahnarztarbeit?

Wir haben nicht weniger Arbeit, sie hat sich schlicht verändert. Heute haben die Leute weniger Löcher. Dafür kommen immer mehr ältere Kunden, da die Menschen ihre eigenen Zähne länger haben. Weil sich die Ernährungs- und Ausgangsgewohnheiten geändert haben, kämpfen wir immer mehr mit Erosionen.

Was heisst das?

Der Zahnschmelz wird vor allem durch Säuren zerstört. Und das geschieht, weil die Leute viele Süssgetränke und Fruchtsäfte trinken. Diese haben einen tiefen pH-Wert und greifen so die Zähne an. Zudem gehen die Jungen heute vermehrt bis frühmorgens in den Ausgang. Wenn sie um 4 Uhr nach Hause kommen, haben sie keine Lust mehr, sich die Zähne zu putzen. 

Was raten Sie Betroffenen?

Diese Patienten müssen ihre Ernährung umstellen, Wasser trinken statt Süssgetränke – oder sich nach dem Konsum von Säurehaltigem zumindest den Mund mit Wasser ausspülen. Ausserdem versiegle ich ihre Zähne umgehend, damit sie wieder geschützt sind. Allenfalls müssen sie auch ihre Zahnputztechnik anpassen.

Ja, die richtige Zahnputztechnik, das ist so eine Sache. Mal heissts 
kreisen, dann wieder keinesfalls kreisen.

Das ist wirklich nicht einfach. Richtig ist, die Bürste im 45-Grad-Winkel zwischen Zahn und Zahnfleisch anzusetzen und mit leichten Kreisbewegungen an Ort und wenig Druck zu putzen. Viele Leute haben dafür aber zu wenig Geduld. Deshalb empfehle ich elektrische Zahnbürsten. Mit solchen kann man kaum etwas falsch machen.

Und die Zähne zweimal täglich putzen reicht?

Eigentlich empfehlen wir dreimal täglich. Viele Leute haben jedoch mittags keine Möglichkeit dazu. Diese sollten sich den Mund nach dem Essen mit Wasser ausspülen oder einen Zahnputzkaugummi kauen.

Wie siehts mit Zahnseide aus?

Diese sollte man täglich verwenden – und zwar vor dem Zähneputzen und nicht danach. Diesen Fehler begehen viele. Damit das Fluorid der Zahnpaste überhaupt in die Zahnzwischenräume gelangt, müssen die Speisereste und Beläge zuerst daraus entfernt werden.

Vielen Patienten entfernen die Zahnärzte die Weisheitszähne, ohne dass diese ihnen Schmerzen bereiten. Gehts da nicht nur darum, Geld zu machen?

Die Weisheitszähne haben ihre Funktion verloren. Früher waren sie die Dritten, nachdem sich die Zähne verkürzt hatten oder gar ausgefallen waren. Dennoch entfernen wir sie nicht a priori. Häufig werden sie bei jungen Menschen gezogen, nachdem sie ihre Spange losgeworden sind. Einige Kieferorthopäden sind der Meinung, dass die Weisheitszähne die Zahnstellung wieder verschieben. Das ist allerdings umstritten. 

Das Entfernen von Weisheitszähnen oder andere Behandlungen sind oft teuer. Deshalb fahren gewisse Schweizer dafür lieber ins Ausland.

In Bülach sind wir seit jeher mit Dentaltourismus konfrontiert. Deshalb sind hier in den letzten zwanzig Jahren vermutlich keine zwei neuen Praxen entstanden, ennet der Grenze jedoch etwa deren zehn. Unsere Patienten schätzen die Qualität und die Beratung. Das heisst aber nicht, dass die Behandlungen im Ausland unbedingt schlechter sind. Ein Dentaltourist muss sich jedoch der Konsequenzen bewusst sein. Geht etwas schief, dann wirds vermutlich teurer. Und auch mit uns kann ein Patient über den Preis sprechen. 

Ihre Preise sind verhandelbar?

Natürlich nicht wie auf dem Basar. Ist jemand finanziell nicht gut gebettet, können wir aber sicher über den Preis diskutieren oder Teilzahlungen vereinbaren.

Auch wenn ihn die Preise nicht abschrecken, manch einer hat doch Angst vor dem Zahnarzt.

Ja, das ist noch immer so. Viele, die Angst haben, erlebten in der Kindheit etwas Schlimmes. Gerade bei Kindern ist die Einstellung der Eltern sehr wichtig. Sie übertragen ihre eigene Angst häufig auf die Kleinen. Und natürlich ist nicht gerade förderlich, wenn die Grossmutter am Vorabend anruft und dem Enkel viel Glück für den Zahnarztbesuch wünscht. 

Was tun Sie, wenn ein Zahnarztphobiker auf dem Stuhl sitzt?

Wichtig ist, auf den Patienten einzugehen und seine Angst ernst zu nehmen. Zahnarztphobie ist ein Teufelskreis. Denn Angstpatienten haben oft die schlimmsten Zähne, weil sie aus Angst nicht zur Kontrolle kommen und dann auch schmerzhafte Behandlungen nötig sein können. In Ausnahmefällen führen wir eine Behandlung unter Narkose durch.

Also schauen Sie auch in eklige Münder.

Was heisst eklig? Das ist relativ. Natürlich pflegen nicht alle Menschen ihre Zähne gleich gut. In unserer Praxis haben wir zum Glück sehr zahnbewusste Patienten.

*Interviewpartner: Alessandro Devigus führt seit 21 Jahren eine Zahnarztpraxis in Bülach. Seit Kurzem ist der 49-Jährige Oral-B-Botschafter, berät also die Firma in Fragen zur Schweizerischen Zahnmedizin. Zudem ist er Chefredaktor eines europäischen Fachmagazins für ästhetische Zahnheilkunde.