Ein Fussballer muss die Olympischen Spiele wegen eines Eintrags in Twitter verlassen. Von Social Media profitiert nur, wer sie achtsam gebrauchen kann, meint Daniel Perrin

Das Internet ist kein Stammtisch und keine Spielergarderobe. Weil ein Schweizer Fussballer die gegnerische Mannschaft in Twitter beschimpft hat, muss er seinen Einsatz an den Olympischen Spielen abbrechen. Wie verhält man sich, damit Social Media nicht zur Falle werden? Genau besehen, warten auch die jeweils neuesten Medien mit alten Tücken auf. Zehn gestandene Gebote zur Alltagsethik, leicht angepasst, helfen auch hier.

1. Du sollst keine Götter haben im Hyperspace. Technologien und Anwendungen kommen und gehen. Ein paar Klicks nach dem Hype zeigt sich schon die Ermüdung. Vielen Jungen ist Facebook ein Spielzeug für die Alten. Schade für die liebevoll gebastelten Seiten, wenn Facebook dereinst einbricht wie Myspace. Was sich dagegen lohnt, wenn Sichtbarkeit im Internet wichtig ist: Von allen gerade angesagten Netzwerken aus mit schlankem Aufwand auf die eigene, gepflegte Website verlinken.

2. Du sollst dir und der Welt ein Bild von dir machen. Social Media sind Schmelztiegel aller bisherigen Übertragungskanäle und Mediendramaturgien. Zudem sind sie blitzschnell und reichen weit in die Welt – ideale Gerüchtemaschinen. Wer sich hier nicht in Beliebigkeit auflösen will, überlegt sich die Selbstdarstellung und nutzt die Hebel der unterschiedlichen Medien, Modi und Kanäle systematisch: etwas Twitter für den aktuellen Kurzkommentar und Youtube für den Expertenauftritt.

3. Du sollst nicht lästern. Es kommt nicht von ungefähr, dass Facebook nur einen Like-, nicht aber einen Dislike- Knopf kennt. Und: Wirtschaftskapitäne, angekommen im Hafen des Erfolgs, raten in ihren Autobiografien dem Nachwuchs, in Aufwallung verfasste E-Mails vor dem Absenden eine Nacht lang abhängen zu lassen. Das gilt erst recht für Einträge in Social Media mit ihrer unüberschaubaren Nutzerschaft und Lebensdauer.

4. Du sollst auch ruhen. Social Media kitzeln Zockerinstinkte und nähren Identitätsphantasien. Zudem beschleicht einen gern das Gefühl, man verpasse etwas: den nächsten Eintrag, Googles neueste Plattform oder den Anschluss an die Zukunft. Das Medium droht auch hier zur Botschaft zu werden für alle, die sich nicht kühl überlegen, was sie beim Twittern, Posten und Liken an Lebenszeit ausgeben – und was sie bekommen dafür.

5. Du sollst deinen Eintrag ehren wie dich selbst. Im Internet zieht jeder Klick seine Spur. Nichts ist uneinsehbar für Findige, zu jeder noch so engen Passwort-Pforte gibt’s eine lose angelehnte Hintertür. Überdies wirkt jede Korrektur nur an der Oberfläche; wer zu recherchieren weiss im Web, fördert gelöschte Äusserungen zutage in digitaler Archäologie. Das bedeutet praktisch, dass jeder Eintrag zählt. Jeder ist eine Visitenkarte.

6. Du sollst dich nicht töten. Drauflosplappern ist die eine Todesfalle in Social Media; die andere ist, zu lange zu schweigen. In einer Kommunikationsumgebung, in der andere jeden Atemzug zur Diskussion stellen, wird erwartet, dass man sich ab und zu meldet. Zum Dranbleiben gehört auch, mitzuziehen, wenn die Technologien wechseln im Marktgerangel. Was bleibt, ist die Grundidee von Social Media, Nähe auf Distanz zu erzeugen.

7. Du sollst nicht cybervögeln am Arbeitsplatz. Eheberater und Scheidungsrichterinnen zählen Social Media zu den Gleitmitteln ihres Geschäfts. Wie schon die SMS, verraten auch vermeintlich abgeschirmte Chats und Tweets findigen Partnern, was wirklich läuft – und den Arbeitgebern sowieso. Technisch ist die Computernutzung am Arbeitsplatz für die Systemadministratoren sehr leicht einsehbar, unabhängig von verkündeten Grundsätzen einer Organisation.

8. Du sollst anderen weder Zeit noch Gedanken stehlen. Vielleicht bereitet die Meldung, dass der Türsteher heute das orange T-Shirt trägt, nicht einen Augenaufschlag lang Freude. Aber sie wirkt: nämlich als Beweggrund, den nächsten Tweet dieses Absenders ungelesen wegzuklicken. Man lässt sich Zeit nicht gerne stehlen, genauso wenig wie Gedanken. Wer die eigene gute Idee wörtlich im Tweet anderer wiederfindet, fühlt sich verstanden – oder beklaut.

9. Du sollst nicht beleidigen. Weil Social Media die Grenze zwischen privater, beruflicher und öffentlicher Kommunikation aufbrechen, wirkt spontan und privat Gemeintes leicht auch als beruflich gemeint. Und weil sich auf alles, was einmal im Internet stand, leicht Links setzen lassen von breitenwirksamen Medien aus, steht rasch im Blitzlicht, wer andere gegen sich aufgebracht hat. Poltern auf Twitter kommt als Gewitter zurück.

10. Du sollst nicht begehren, was deins nicht sein kann. Mit Social Media gewinnt, wer anderen zuhören und sich angemessen äussern kann. Das bedingt eine offene Diskurshaltung, ein Wissen um Chancen und Risiken der Medien sowie die Fähigkeit, sich multimodal mitzuteilen. All dies kann man ein Stück weit lernen – wie Tore schiessen. Kompetenz und Auftritt aufeinander abzustimmen, wird umso wichtiger, je greller das Rampenlicht ohnehin auf einen fällt.

Fazit: Schnell ist gefangen im weltweiten Netz, wer widersprüchlich daherschwätzt, sich übermütig auszieht oder über den siegreichen Gegner herfällt. Gezielter Indiskretion und ärgerlichem Abgang beugt letztlich nur Anstand vor: Anstand sich selbst und denen gegenüber, die einem vertrauen.

Weitergeleiteter Artikel aus der «NZZ am Sonntag» vom 05.08.2012, Seite 15: