Diabetes heilt besser, wenn man Entzündungen im Zahnbereich behandelt. Und mit gut eingestelltem Blutzucker klingt die Parodontitis leichter ab. Von Felicitas Witte aus NZZ am Sonntag vom 23.12.2012

Die Plaque muss weg!»: Die Zähne sollen von den hartnäckigen Bakterien-Belägen befreit werden, predigt die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft. Plaques zählen zu den wichtigsten Risikofaktoren für eine Parodontitis, früher Parodontose genannt. Dabei entzündet sich der sogenannte Zahnhalteapparat, der aus Zahnfleisch, Wurzelhaut, Wurzelzement und Kieferknochen besteht (siehe Grafik). Mit Zähneputzen und Zahnseide kann man eine Parodontitis meist vermeiden, und wenn sie einmal da ist, das Fortschreiten bremsen.

Gerade an Weihnachten mit den vielen Guetsli ist Zahnpflege wichtig – vor allem für Diabetiker. «Leute mit Diabetes erleiden häufiger eine Parodontitis, und umgekehrt verschlechtert eine Parodontitis Diabetes», sagt James Deschner, Leiter der Klinischen Forschergruppe in der Zahnklinik am Unispital Bonn. «Seit kurzem wissen wir, dass sich Diabetes bessert, wenn man die Parodontitis behandelt, und dass mit einer guten Blutzucker-Einstellung eine Parodontitis leichter heilt.»

Schäden an Niere oder Herz

Mitte Oktober stellten Experten auf einem internationalen Symposium in Genf die neuesten Erkenntnisse vor. Demnach haben Diabetiker mindestens doppelt so häufig eine Parodontitis wie Nicht-Diabetiker, sie ist bei ihnen stärker ausgeprägt und schreitet schneller voran. «Das Risiko ist umso höher, je schlechter der Diabetes eingestellt ist», erklärt Anton Sculean, Direktor der Klinik für Parodontologie an der Uni Bern. «Hat ein Diabetiker nahezu normale Blutzuckerwerte, ist sein Parodontitis-Risiko nicht höher als bei Gesunden.» Eine Parodontitis kann dazu führen, dass sich aus einer Diabetes-Vorstufe ein manifester Diabetes entwickelt. Diabetiker mit Parodontitis haben öfter Schäden an Nieren oder Herz. Sie weisen ein doppelt so hohes Risiko auf, an einer koronaren Herzkrankheit und sogar ein achtmal so hohes, an Nierenschäden zu sterben.

Jeder dritte Erwachsene in den Industrieländern hat eine Parodontitis, 15 Prozent davon eine schwere. Die Krankheit kann die Lebensqualität ziemlich einschränken. Man fällt auf, weil man bestimmte Speisen meidet, schämt sich beim Lachen oder verliert sein Selbstbewusstsein. Verursacht wird die Entzündung durch Bakterien. «Aber das allein reicht nicht», erklärt Deschner. «Zusätzlich müssen andere Faktoren hinzukommen wie Rauchen, Stress, die Vererbung oder andere Krankheiten wie eben Diabetes.» Aus Bakterien in den Plaques auf den Zähnen werden Giftstoffe freigesetzt. Das Immunsystem versucht, die Bakterien zu beseitigen, und schüttet dabei Entzündungsstoffe aus. Diese zerstören nicht nur die Bakterien, sondern auch das Gewebe. Das Zahnfleisch blutet, die Zahnhälse werden freigelegt und der Knochen abgebaut, die Zähne lockern sich und können ausfallen.

Erreger machen sich breit

Hinter dem Zusammenhang zwischen Parodontitis und Diabetes vermuten Forscher verschiedene Mechanismen. Bei Diabetikern stellt der Körper zum einen mehr von den sogenannten AGE-Stoffen her. «Binden diese an Entzündungszellen, werden Substanzen freigesetzt, die Entzündungen vorantreiben und das Gewebe schädigen – so auch im Zahnhalteapparat», erklärt Sculean. In Tierversuchen hemmten Forscher die Anbindung der AGE an Entzündungszellen – das stoppte die Zerstörung des Zahnhalteapparates.

Eine weitere Rolle scheinen Adipokine zu spielen, vor allem bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern. Ist man zu dick, gibt der Körper mehr Adipokine aus dem Fettgewebe in das Blut ab und auch in den Zahnhalteapparat. Diese beeinflussen nicht nur den Appetit, sondern sollen auch Entzündungen vorantreiben. Ausserdem arbeiten Abwehrzellen bei Diabetikern weniger gut, so dass sich Bakterien leichter breitmachen können.

Auch dass umgekehrt eine Parodontitis eher zu Diabetes führt, lässt sich erklären: Bakterien und Entzündungsstoffe gelangen von den Zähnen in die Blutbahn. Das löst eine leichte Entzündung im gesamten Körper aus, und weitere Botenstoffe werden freigesetzt. Sie machen die Körperzellen weniger empfindlich für Insulin, und als Folge steigt der Zuckerwert im Blut.

Wenn eine Parodontitis den Blutzucker steigen lässt, so dachten sich die Forscher, müsste man durch eine Parodontitis-Behandlung den Zucker wieder senken können. In der Tat: «Bei Typ-2-Diabetikern hat man nachgewiesen, dass die Therapie wirkt», sagt Deschner. Der HbA1c-Wert lasse sich markant senken. HbA1c ist ein Mass für den Blutzucker der vergangenen Wochen. Andersherum heilt auch eine Parodontitis besser, wenn der Blutzucker gut eingestellt ist.

Bei der Parodontitis-Therapie werden die Zähne mit Instrumenten, Laser oder Ultraschall von den Bakterien-Belägen befreit, manchmal braucht es dazu eine kleine Operation. Noch ist nicht eindeutig erwiesen, dass auch gute Zahnpflege zu Hause den Blutzucker wirksam senken kann. Auch wenn das tägliche Zähneputzen, Herumwerkeln mit Zahnseide und Zwischenraumbürsten mühselig ist: In einer Studie aus Finnland hatten Diabetiker, die sorgfältig putzten, zumindest weniger Plaques und tiefere HbA1c-Werte.

Zahnpflege sei für Diabetiker besonders wichtig, sagt Anton Sculean. Und nicht nur wegen des Diabetes: Eine Parodontitis für sich erhöht vermutlich auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Rheuma. «Behandelt man seine Zähne und sein Zahnfleisch gut, tut man seinem gesamten Körper etwas Gutes», sagt James Deschner.