Geringe Evidenz für Effektivität von Chlorhexidin bei „Dry Socket“

Jeden Tag werden in Zahnarztpraxen weltweit als Folge  von Karies oder aus parodontalen Gründen Zähne extrahiert. Die Alveolitis sicca („Dry Socket“, DS) ist eine nach Extraktionen bei < 1 bis 37,5 % der Patienten auftretende Komplikation. In diesen Fällen kommt es nicht zur Bildung eines Blutkoagulums in der Extraktionsalveole, und die Patienten leiden 2 bis 3 Tage nach dem Eingriff unter starken Schmerzen. Ziel dieser Übersichtsarbeit war es, die Wirksamkeit von lokalen Interventionen zur Vermeidung und Behandlung einer DS zu untersuchen. Die Datenbanken Cochrane Oral Health Group Trials Register, Cochrane Central Register of Controlled Trials, Medline und Embase wurden durchsucht. Nur randomisierte kontrollierte Studien an Erwachsenen, bei denen permanente Zähne extrahiert worden waren und die eine DS entwickelt hatten, wurden in die Auswertung aufgenommen. Studien über die systemische Anwendung von Antibiotika oder den Einsatz chirurgischer Techniken zur DS-Behandlung fanden keine Berücksichtigung. Es wurden 21 Arbeiten (2.570 Teilnehmer) eingeschlossen: 18 Studien mit 2.376 Teilnehmern zur DS-Prävention und drei Studien mit 194 Teilnehmern zur DS-Behandlung. Nur eine Studie zeigte ein geringes Risiko einer Verzerrung, bei 14 war dieses Risiko unklar, und bei sechs war es hoch. Im Vergleich mit einem Placebo konnte das Spülen mit einer Chlorhexidin-Mundspülung (Konzentration 0,12 und 0,2 %) sowohl vor als auch nach der Extraktion ungefähr 42 % der DS verhindern. Die DS-Prävalenz variierte zwischen 1 und 5 % bei routinemäßigen Extraktionen und bis zu 30 % bei chirurgisch entfernten Weisheitszähnen. Die Zahl der Patienten, die mit einer Chlorhexidinspülung (0,12 und 0,2 %) behandelt werden müssen, um bei einem Patienten eine DS zu verhindern, lag bei 232 (95%-Konfidenzintervall [KI] 176 bis 417) für eine Prävalenz von 1 %, bei 47 (95%-KI 35 bis 84) für eine Prävalenz von 5 % und bei 8 (95%-KI 6 bis 14) für eine Prävalenz von 30 %. Verglichen mit einem Placebo verhinderte die Anwendung eines Chlorhexidingels (0,2 %) in die Alveole ca. 58 % der DS. Die Zahl der  Patienten, die mit Chlorhexidingel behandelt werden müssen, um bei einem Patienten eine DS zu verhindern, lag bei 173 (95%-KI 127 bis 770) für eine Prävalenz von 1 %, bei 35 (95%-KI 25 bis 154) für eine Prävalenz von 5 % und bei 6 (95%-KI 5 bis 26) für eine Prävalenz von 30 %.

Schlussfolgerungen: Zahnextraktionen werden aus den unterschiedlichsten Gründen durchgeführt, aber in der vorliegenden Übersicht waren nur drei Studien mit Teilnehmern eingeschlossen, bei denen Weisheitszähne – meistens durch Oralchirurgen – entfernt werden mussten. Es besteht eine gewisse Evidenz, dass die Spülung mit Chlorhexidin (0,12 und 0,2 %) oder die Applikation von Chlorhexidingel (0,2 %) in die Extraktionsalveole einen positiven Einfluss auf die Verhinderung einer DS hat. Außerdem fand sich eine gewisse Evidenz für einen Zusammenhang zwischen geringen Nebenwirkungen und dem Einsatz von Chlorhexidin-Mundspülungen (Konzentration 0,12, 0,2 und 2 %), obwohl die meisten Studien das Auftreten von Überempfindlichkeiten gegen Mundspülungen nicht in ihre Protokolle aufgenommen hatten. Keine Nebenwirkungen wurden bei der Applikation von 0,2%igem Chlorhexidingel direkt in die Extraktionsalveole beobachtet (auch wenn eine vorhandene Allergie auf Chlorhexidin ein Ausschlusskriterium war). In Anbetracht von neueren Berichten aus Großbritannien über zwei Fälle mit starken Nebenwirkungen nach dem Ausspülen einer DS mit Chlorhexidin-Mundspülung sollte das gesamte Praxisteam sich über das mögliche Auftreten geringerer oder größerer Nebenwirkungen bewusst sein.

Daly B, Sharif MO, Newton T, Jones K, Worthington HV. Local interventions for the management of alveolar osteitis (dry socket). Cochrane Database Syst Rev 2012;12:CD006968.

Steife oder flexible Wurzelkanalstifte? – Resultate nach 7 Jahren

Im Vergleich zu vitalen Zähnen ist die Komplikationsrate festsitzender prothetischer Versorgungen auf endodontisch behandelten Zähnen höher und führt meist  zum Verlust des Zahnes. Der Hauptunterschied zwischen intakten, vitalen Zähnen und einem mit einem Stiftaufbau rekonstruierten Pfeilerzahn ist das Vorhandensein von Bereichen mit konzentriertem und erhöhtem Stress in der verbleibenden Zahnstruktur endodontisch behandelter Zähne. Die Steifigkeit des Stiftes und des Aufbaumaterials sowie die Schwächung des reduzierten Wurzeldentins als Folge der endodontischen Versorgung sind für die Art der Stressverteilung verantwortlich. Um diese Faktoren zu reduzieren, ist die Wahl eines biomechanisch geeigneten Stiftmaterials (steif versus flexibel) von Bedeutung. Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die erste klinische Langzeit-Pilotstudie, die das biomimetische Konzept des Einsatzes flexibler, dentinartiger (niedriger Elastizitätsmodul) glasfaserverstärkter Kompositstifte (GFES) im Vergleich zu eher steifen (hoher Elastizitätsmodul) Titanstiften zur Verbesserung der Überlebensrate endodontisch behandelter Zähne untersuchte. Bei 91 Patienten, bei denen eine endodontische Behandlung an Zähnen mit zwei oder weniger verbliebenen Kavitätenwänden erforderlich war, wurde zufällig ein konischer Titanstift (TS, n = 46) oder ein Glasfaserstift (GFES, n = 45) eingesetzt. Die Befestigung erfolgte mit einem selbstadhäsiven Kompositzement. Die Komposit-Stumpfaufbauten wurden so präpariert, dass ein zirkulärer Ferrule (Fassreifen) von 2 mm vorhanden war.Nach 84 Monaten Beobachtungszeit (Durchschnitt = 71,2 Monate) zeigten sieben Versorgungen einen Misserfolg (vier GFES, drei TP). Folgende Arten des Misserfolgs wurden beobachtet: GFES – Wurzelfraktur (n = 3), Fraktur des Aufbaus (n = 1) und TP – endodontischer Misserfolg (n = 3). Es konnte kein statistisch signifikanter Unterschied in der Überlebensrate gefunden werden (GFES = 90,2 %, TP = 93,5 %, p = 0,642). Die Wahrscheinlichkeit für das Ausbleiben eines Misserfolgs war für die beiden Stiftmaterialien vergleichbar (Risikoverhältnis; 95%-Konfidenzintervall 0,965 bis 0,851/1,095).

Schlussfolgerungen: Wenn vorfabrizierte Wurzelkanalstifte in stark zerstörten Pfeilerzähnen mit zwei oder weniger Kavitätenwänden sowie einem 2-mmFerrule eingesetzt und mit einem selbstadhäsiven Kompositzement befestigt werden, sind die postendodontischen Versorgungen unabhängig vom verwendeten Stiftmaterial langfristig erfolgreich.

Sterzenbach G, Franke A, Naumann M. Rigid versus flexible dentine-like endodontic posts – clinical testing of a biomechanical concept: seven-year results of a randomized controlled clinical pilot trial on endodontically treated abutment teeth with severe hard tissue loss. J Endod 2012;38:1557-1563