Eine Schweizer Firma hat eine Flüssigkeit auf den Markt gebracht, welche die Zahnmedizin revolutionieren soll – wir haben nachgefragt.

Dass Karies die Zähne zerstören kann, lernt man schon in der Primarschule. Hat man einmal ein Loch im Zahn, bleibt es ein Leben lang. Die Folge: Regelmässige Zahnarztbesuche, Bohren und Kronen. In manchen Fällen droht gar der Verlust des Zahns. Die Firma Credentis aus Windisch AG hat jetzt eine neue Methode entwickelt, die all dem vorbeugen soll – völlig schmerzfrei und biologisch.

Die Flüssigkeit Curodont enthält synthetische Eiweissmoleküle, welche die Regeneration des Zahnschmelzes ermöglichen. Sie wird im Frühstadium des Befalls auf die betroffenen Stellen aufgetragen und bewirkt mithilfe körpereigener Stoffe die Selbstheilung des Zahns. In der Dentalmedizin ist das eine Revolution. Bisher konnten solche Schäden nicht geheilt, sondern lediglich temporär gestoppt werden. Mit dem neuen Produkt soll der Zahn laut Credentis innerhalb von ein paar Monaten wieder vollständig gesund werden.

Die Basis für das Mittel wurde in England geschaffen: Wissenschaftler der Universität Leeds haben ein bestimmtes Molekül entwickelt, welches die Struktur des Zahnschmelzes wieder herstellen kann. Diese Wirkung konnten sie in einer klinischen Studie nachweisen.

Uni Zürich plant Studie

In der Schweiz arbeiten bereits rund 30 Zahnärzte mit Curodont. Laut Credentis-Gründer Dominik Lysek sind diese zufrieden mit dem Produkt. Trotzdem gebe es halt immer Kritik, wenn ein neues Produkt auf den Markt kommt. «Grundsätzlich sind die Zahnärzte interessiert, sie wollen aber mehr Studien zur Untermauerung. Daran arbeiten wir zur Zeit», sagt Lysek.

So sieht es auch Adrian Lussi vom Zentrum für Zahnmedizin an der Universität Bern: «Das Mittel hat Potenzial, es fehlt einfach noch eine gross angelegte Studie», sagt er. Credentis müsse belegen, dass das Mittel besser wirke als beispielsweise Fluoridzahnpasta, welche bereits heute eingesetzt wird. Auch für Wolfgang Buchalla vom zahnmedizinischen Zentrum in Zürich ist ein Wirkungsnachweis zwingend nötig. Aus diesem Grund ist an der Universität Zürich eine Studie zu Curodont geplant.

Ohne Zahnarzt gehts nicht

In der Praxis hat sich das Mittel bereits bewährt, wie Zahnärztin Eva Iggland aus Zürich bestätigt: «Bei drei von zehn Patienten ist das Resultat super, der Zustand der Zähne hat sich verbessert. Die restlichen sieben sind noch ausstehend.»

Etwas verhaltener ist die Meinung von Gabriel Krastl, Zahnexperte und Leiter des Zahnunfallzentrums der Universität Basel: Der Ansatz sei zwar gut, allerdings fehlen noch die Langzeitstudien, welche die langfristige Wirksamkeit des Produktes untermauern könnten. Und: «Die Methode funktioniert nur bei Karies im Anfangsstadium. Sobald der Zahn ein sichtbares Loch hat ist sie nicht mehr wirksam», so Krastl.

Wer jetzt gehofft hat, die Zahnbürste sei endlich Geschichte, der hat also weit gefehlt. «Curodont kann kein Loch flicken. Es hilft dem Zahn im Anfangsstadium von Kariesbefall, sich selbst zu heilen. Das heisst aber nicht, dass die Krankheit nicht wieder kommen kann», erklärt auch Lysek. Der Kariesbefall könne verglichen werden mit einer Hautwunde. Heilt diese, ist die Stelle noch lange nicht immun gegen weitere Wunden. Ziel von Curodont ist es, den Zustand des Zahns zu verbessern, indem es den Regenerationsprozess stimuliert. «Das war früher nicht möglich, man konnte lediglich die Entwicklung aufhalten», sagt Lysek.

Auch die Zahnärzte müssen nicht um ihre Patienten bangen: «Es ist wichtig, dass man regelmässig zum Zahnarzt geht. Denn die Behandlung wirkt nur im Frühstadium von Karies», sagt Lysek. Ausserdem hätten die Dentalspezialisten ein Auge und das nötige Wissen für die Erkennung und Behandlung von Karies. Das sei auch der Grund, weshalb Curodont in dieser Form nicht zu Hause angewendet werden kann. «Der Zahn muss vor der Behandlung von einem Spezialisten gereinigt werden, das geht zu Hause nicht», so Lysek. «Es ist nicht unser Ziel, den Zahnarzt zu ersetzen.»

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