Im Dunkeln arbeiten – Einstellung zur Endodontie bei Allgemeinpraktikern

Eine erfolgreiche Wurzelkanalbehandlung ist eng mit der Qualität der Wurzelkanalfüllung verknüpft. Epidemiolo­gische Untersuchungen verschiedener Populationen zeigen eine eindeutige Beziehung zwischen Wurzelka­nalfüllungen von unterdurchschnittlicher Qualität und radiologischen Anzeichen einer apikalen Parodontitis. Vorhandene Studien deuten überwiegend darauf hin, dass die Zahl unvollständiger Wurzelkanalfüllungen ge­nerell sehr hoch liegt. Die Einführung von rotierenden Nickel­-Titan ­Instrumenten hat zur Vereinfachung der Auf­bereitung von Wurzelkanälen geführt. Man ging davon aus, dass sich dadurch die Qualität der Wurzelkanalfül­lungen verbessern würde. In verschiedenen Publikatio­nen konnte tatsächlich ein Anstieg qualitativ hochwerti­ger Wurzelkanalfüllungen durch den Einsatz rotierender Nickel­-Titan ­Instrumente festgestellt werden. Trotz der allgemeinen Verbesserung der Qualität zeigen jedoch alle Studien, dass die Rate ungenügender Wurzelkanal­füllungen immer noch sehr hoch ist. Obwohl in den Allgemeinpraxen die Qualität der Wurzelkanalbehand­lungen oft unter dem Durchschnitt liegt, empfinden die Praktiker diesen Umstand nicht als besorgniserregend.

In der vorliegenden Studie sollte untersucht wer­ den, welche Faktoren Allgemeinpraktiker dazu bewe­ gen, Wurzelkanalfüllungen von minderer Qualität aus­ zuführen und die schlechten Resultate zu akzeptieren. Dazu wurden 33 Allgemeinpraktiker des Public Dental Health Service in Göteborg, Schweden, befragt.

Die Umfrage ergab, dass mit einer Wurzelkanal­behandlung Gefühle wie Angst, Frustration, Stress und Erschöpfung verknüpft wurden. Die Maßnahme wurde generell als komplex, geheimnisvoll und un­sichere Angelegenheit beschrieben. Alle Schritte einer Wurzelkanalbehandlung wurden oft mit dem Gefühl eines Kontrollverlustes assoziiert. Als Gründe hierfür nannten die Befragten u. a. schwer zugängliche Wur­zelkanäle, komplizierte Instrumente und die Tatsache, dass die Behandlung auf kleinem Raum mit einge­schränkter Sicht durchgeführt werden muss. Einige Zahnärzte stellten die hohen instrumentellen Anforde­rungen und das Streben nach einer perfekten Wurzel­kanalfüllung in der Allgemeinpraxis in Frage. Die meisten Allgemeinpraktiker erklärten, dass sie nicht in der Lage sind, Wurzelkanalbehandlungen innerhalb der vom Vergütungssystem vorgesehenen Zeit abzu­schließen, und dass sie entweder länger behandeln oder nach Erreichen der vorgegebenen Zeit eine sub­optimale Wurzelkanalfüllung akzeptieren.

Schlussfolgerungen: Allgemeinpraktiker verbinden Wurzelkanalbehandlungen mit Stress und Frustration. Endodontische Maßnahmen werden als komplex be­urteilt und öfter mit einem Gefühl fehlender Kontrolle durchgeführt.

Dahlström L, Lindwall O, Rystedt H, Reit C. „Working in the dark“: Swedish general dental practitioners on the complexity of root-canal treatment. Int Endod J 2016 Jul 4 [Epub ahead of print].

Das Paradoxon der schmerzlosen Parodontitis

Parodontale Erkrankungen wie Gingivitis und Par­odontitis sind durch eine progressive Entzündung und Zerstörung von Gewebe charakterisiert. Eine systema­tische Analyse epidemiologischer Daten zeigte 2010 eine weltweite Prävalenz ernsthafter parodontaler Erkrankungen von 10,5 bis 12,0 %. Die Parodontitis stellt nicht nur ein wichtiges Gesundheitsproblem dar, son­dern beeinflusst auch systemische Pathologien wie Diabetes mellitus und kardiovaskuläre sowie respira­torische Erkrankungen. Das Verständnis der Ätiologie parodontaler Erkrankungen hat sich über die letzten Jahre stark verändert. Aktuelle Modelle unterstreichen die Wechselbeziehung zwischen subgingivalen dys­biotischen polymikrobiellen Gemeinschaften und den entzündlichen Reaktionen des betroffenen Individu­ums. Die Entstehung parodontaler Erkrankungen wird nicht länger individuellen Pathogenen zugeschrieben, dennoch bleiben Porphyromonas gingivalis und Ag­gregatibacter actinomycetemcomitans die am häu­figsten mit diesen Erkrankungen verknüpften Erreger. Während Aggregatibacter actinomycetemcomitans und vor allem sein JP2­Klon mit aggressiven parodon­talen Erkrankungen assoziiert sind, scheint Porphyro­monas gingivalis eine Rolle als „Schlüsselpathogen“ zu spielen, das durch die Fähigkeit charakterisiert ist, selbst in kleinen Mengen das Immunsystem des Wirts manipulieren und dadurch die gesamte Flora des In­ dividuums beeinflussen zu können. Im Gegensatz zu anderen entzündlichen Prozessen im Körper sind diese meist schmerzfrei.

Es lässt sich der Schluss ziehen, dass Interaktionen zwischen parodontalen Bakterien und den Wirtszellen eine Umgebung schaffen, in welcher Entzündungsme­diatoren direkt oder indirekt gehemmt werden. Par­odontale Erkrankungen sind durch eine Ansammlung klassischer Entzündungsmediatoren von Bakterien und Wirtszellen gekennzeichnet. Verschiedene Mechanis­men könnten die entzündliche Sensibilisierung der nozizeptiven Fasern durch Inhibition dieser Faktoren beeinflussen. Während die direkte destruktive Aktivität bakterieller Virulenzfaktoren auf Gewebe des Wirts ei­ ne Rolle bei der Entstehung parodontaler Erkrankun­gen spielt, ist die Mehrheit der beobachteten Schäden an Knochen, extrazellulärer Matrix und anderen umlie­genden Strukturen eine Folge der entzündlichen Reak­tion des Wirts.

Weitere Studien sind notwendig, um die molekula­ren Prozesse, die einer endogenen lokalisierten Hypo­algesie bei parodontalen Erkrankungen zugrunde lie­gen, besser zu verstehen. Dieses Wissen könnte die Grundlage für zukünftige therapeutische Interventio­nen wie wirtsmodulierendeTherapien gegen eine Viel­zahl weiterer Schmerzzustände bilden.

Gaurilcikaite E, Renton T, Grant AD. The paradox of painless periodontal disease. Oral Dis 2016 Jul 10 [Epub ahead of print].