Viele sehen weniger gut, als sie meinen

Der Einsatz von Sehhilfen ist in der Medizin weitver­breitet und akzeptiert, da eine gute Sicht im Bereich des Arbeitsfeldes eine große Rolle spielt. Über die letzten Jahrzehnte haben sich Vergrößerungshilfen wie Lupen und Mikroskope zu einem wichtigen Werk­ zeug in der Zahnmedizin entwickelt. Die meisten Zahn­ärzte und Dentalhygienikerinnen, die Lupen anwen­den, sind davon überzeugt, dass die verbesserte Sicht einen Einfluss auf den Behandlungserfolg hat, obwohl die wissenschaftliche Evidenz hierzu noch gering ist. Sehschwächen lassen sich durch den Einsatz von Vergrößerungshilfen kompensieren. Man kann davon ausgehen, dass eine eingeschränkte Nahsehschärfe die Qualität der dentalen Diagnose und Behandlung beeinflusst. Was für Zahnärzte gilt, trifft auch auf Dentalhygienikerinnen zu, weil ihre Arbeit nicht nur das Sondieren von Taschen und Wurzeloberflächen beinhaltet, sondern auch die visuelle Erfassung von Zahnstein, kariösen Läsionen und Frakturen bei Res­taurationen einschließt.

In der vorliegenden Studie sollten die Sehleistung von Dentalhygienikerinnen in deren klinischem Um­feld und die Korrelation zwischen selbst bewerteter und objektiv gemessener Sehleistung untersucht wer­ den. Die Nahsehleistung wurde bei 191 Dentalhygie­nikerinnen und Dentalhygieneschülerinnen subjektiv mit Hilfe einer visuellen Analogskala und objektiv mit einem miniaturisierten visuellen Test zur Simulation klinischer Bedingungen bestimmt. Die Messung der Sehleistung erfolgte auch mit Vergrößerungshilfen, wenn diese Teil der individuellen klinischen Ausrüs­tung waren. Der Einfluss von Alter und Vergrößerung auf die Nahsehleistung wurde analysiert.

Die Sehleistung veränderte sich unter Berücksichti­ gung des Arbeitsabstandes und zeigte bei der Erken­ nung der kleinsten Teststrukturen eine Variabilität von 300 %. Es wurden eine schwache positive Korrelation zwischen der selbst bestimmten und der objektiv gemessenen visuellen Leistung sowie ein hoch si­ gnifikanter Einfluss des Alters der Testperson auf die Verwendung von Lupenbrillen gefunden. Testperso­ nen ≥ 40 Jahre zeigten mit Lupenbrillen eine ähnliche Sehleistung wie Probanden < 40 Jahren ohne Lupen­ brillen.

Schlussfolgerungen: Die Sehleistung in einem üblichen Arbeitsabstand lässt sich nicht selbst beur­teilen und variiert individuell. Dentalhygienikerinnen und Dentalhygieneschülerinnen waren sich ihrer Seh­schwäche im Nahbereich nicht bewusst. Zur Kompen­sation von individuellen Sehschwächen ist der Einsatz von optischen Hilfsmitteln ratsam. Bei über 40­Jähri­gen sollten Lupenbrillen Pflicht sein, um die altersbe­dingte Sehschwäche im Nahbereich zu kompensieren.

Eichenberger M, Perrin P, Sieber KR, Lussi A. Near visual acuity of dental hygienists with and without magnification. Int J Dent Hyg 2018;31:291-295.

Kopfposition wichtig für korrekte Überprüfung okklusaler Kontakte

Die Kopfposition kann Ursache für okklusale Stö­rungen und temporomandibuläre Beschwerden sein. Eine Ventroflexion des Kopfes (kleinere kraniozervi­kale Winkel) mit einer Retroinkliniation der zervikalen Wirbelsäule (größere kraniozervikale Winkel) ist oft mit einemTiefbiss verknüpft. Personen mit einer Klas­se ­2 ­Malokklusion zeigen gegenüber solchen mit einer Klasse­1­ oder ­3­ Malokklusion Unterschiede bei den kraniozervikalen und zervikohorizontalen Winkeln. Der Neigungswinkel im Halsbereich fällt bei Personen mit temporomandibulären Beschwerden und reduzierter Mundöffnung signifikant kleiner aus als bei Perso­nen ohne temporomandibuläre Beschwerden. Eine reduzierte Mundöffnung ist bei Personen mit tempo­romandibulären Beschwerden mit einer Fehlstellung zwischen Kopf und Rumpf verknüpft.Trotzdem konnte der Zusammenhang zwischen Kopfposition und temporomandibulären Beschwerden noch nicht vollstän­dig geklärt werden.

Im Gegensatz dazu hat die Kopfposition einen ein­deutigen Einfluss auf die Funktion des Unterkiefers, wobei dies auch die okklusalen Kontaktmuster be­ trifft. Die Kopfposition beeinflusst z. B. die habituelle Schließbewegung: Wenn der Kopf nach vorne geneigt wird, nähert sich die Schließbewegung der maximalen Interkuspidation von anterior und bei einer Neigung nach hinten von posterior. Die Kopfposition ist auch mit der habituellen Öffnungsbewegung verknüpft: In einer nach vorne geneigten Position ist die Bewegung nach posterior verschoben, und während der Latero­flexion weicht die Öffnungsbewegung zu der Seite ab, in die der Kopf bewegt wurde. Trotz einer Vielzahl von Berichten, welche die Beziehung zwischen Kopfposition und Bewegung des Unterkiefers beschreiben, sind die Richtung und die Stärke okklusaler Kontakte in Relation zur Kopfpositi­on wenig erforscht. In der vorliegenden Studie sollte der Einfluss der Kopfposition auf die Richtung okklu­saler Kräfte bei einer klappernden Bewegung, wie sie im Rahmen der Überprüfung okklusaler Kontakte üblich ist, untersucht werden. 23 gesunde erwach­ sen Personen wurden instruiert, sich mit geradem Rücken auf einen Behandlungsstuhl zu setzen und 15 klappernde Bewegungen mit fünf unterschiedlichen Kopfpositionen durchzuführen: natürliche Kopfposi­tion (Kontrolle), vorwärts bzw. rückwärts geneigt und nach rechts bzw. links geneigt. Die Richtung und die Stärke der Kräfte wurden mit einem kleinen triaxialen Kraftsensor erfasst. Anschließend erfolgte eine statis­tische Auswertung der Daten. Die Kräfte verschoben sich in Abhängigkeit von der Kopfposition (vorwärts/ rückwärts) in die entgegengesetzte Richtung. Die seit­ lichen Bewegungen verschoben die Kräfte in die ent­ sprechende Richtung.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse zeigen, dass für eine korrekte Überprüfung okklusaler Kontakte der Kopf in einer stabilen und entspannten Position ohne anterior­posteriore oder seitliche Verschiebung stehen sollte.

Nakamura K, Minami I, Wada J, Ikawa Y, Wakabayashi N. Head position affects the direction of occlusal force during tapping movement. J Oral Rehabil 2018 May;45:363-370.