Implantate bei HIV-Patienten

Das erworbene Immunschwächesyndrom (AIDS) ist für eine der verheerendsten Pandemien der modernen Geschichte verantwortlich. Mit der Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie hat sich die Zahl der HIV-Patienten, die eine Zahnbehandlung in Anspruch nehmen, erhöht. Die Implantologie ist mittlerweile zum Standardverfahren für den Ersatz von Zähnen geworden. Nach der Implantatinsertion führt die direkte strukturelle Verbindung zwischen Knochen und Implantatoberfläche zu einer Osseo- integration. Die Auswirkungen der HIV-Infektion auf das Überleben von Implantaten wurden diskutiert. Daten aus der begrenzten Literatur zumThema deuten darauf hin, dass die Erkrankung keinen signifikanten Einfluss auf das Überleben von Implantaten hat. Neuere Studien berichten jedoch über eine erhöhte Implantatversagensrate bei HIV-Patienten mit niedrigen CD4-Zahlen und Nikotinkonsum.

Die vorliegende retrospektive Kohortenüberlebens- studie über 5 Jahre verglich die Ausfallraten von dentalen Implantaten bei HIV-positiven und HIV-negativen Patienten unter Berücksichtigung mehrerer Risikofaktoren. Zwischen 2006 und 2015 wurden 484 Implantate bei HIV-positiven Patienten und 805 Im- plantate bei HIV-negativen Patienten auf ihr Überle- ben hin untersucht. Die Abschätzung der Auswirkungen von HIV erfolgte mit Hilfe der Neigungsgewichtung. Auswirkungen von Alter, Raucherstatus, Diabetes, Restaurationsstatus, Geschlecht, Implantattyp, Einbrin- gungsort, Hepatitis-C-Status, Baseline-CD4-Zahl und CD4-Prozentwert, Post-Placement-Durchschnitts-CD4- Prozentwert, Nadir-CD4-Prozentwert, Nadir-CD4-Zahl und antiviralerTherapie wurden analysiert.  Implantate bei HIV-positiven und HIV-negativen Patienten wiesen ähnliche Misserfolgsraten auf (HR = 1,4, p = 0,34). Erhöhte Misserfolgsraten wurden bei HIV-positiven Patienten mit Baseline-CD4-Prozentwert ≤ 20 (HR = 2,72, p = 0,04), Post-Placement-Durchschnitts- CD4-Prozentwert ≤ 20 (HR = 2,71, p = 0,04), Protease- inhibitor-Verabreichung (HR = 2,74, p = 0,04), Rauchen (HR = 2,61, p = 0,05) und anteriorer Oberkieferplatzie- rung (HR = 5,82, p < 0,01) beobachtet. Hepatitis-C- Koinfektion, viralerTiter, Baseline-CD4-Zahl, Geschlecht, Implantattyp und Restaurationsstatus zeigten einen geringeren oder keinen Einfluss.

Schlussfolgerungen: Implantate, die bei HIV- positiven Patienten eingesetzt wurden, hatten ähnliche Überlebensraten wie bei HIV-negativen Patienten. Die Misserfolgsraten steigen signifikant an, wenn bei HIV-positiven Patienten zusätzliche Risikofaktoren (Rauchen, Hepatitis C, Medikamente) vorhanden sind.

Sabbah A, Hicks J, MacNeill B et al. A retrospective analysis of dental implant survival in HIV patients. J Clin Periodontol 2019 Jan 31 [Epub ahead of print].

Qualität der Diagnostik verschlechtert sich unter Zeitdruck

Die Zahnmedizin ist als stressvolleTätigkeit anerkannt. Arbeitsbedingter Stress wurde mit der Entstehung von psychischen Problemen wie Depressionen und einem erhöhten Burnout-Risiko bei Zahnärzten in Verbindung gebracht. Die Prävalenz von Burnout unter den Berufsgruppen variiert von Studie zu Studie. Einigen Untersuchungen zufolge leiden 2,5 % der Zahnärzte unter einem Burnout, während andere berichten, dass 26 % ein hohes Risiko sowohl für emotionale Erschöpfung als auch für Depersonalisierung haben.

Zahnärzte treffen auf zahlreiche Stressquellen. Dies beginnt im Studium, setzt sich in der weiteren Ausbildung fort und nimmt im Berufsleben nicht ab, sondern eskaliert unter Umständen sogar. Die am häufigsten aufgeführten Stressfaktoren sind schwierige und anspruchsvolle Patienten, Verspätungen und Zeitdruck, gefolgt von Personalfragen und dem Druck von Dritten. Obwohl Zahnärzte den Zeitdruck als wichtigen Stressfaktor wahrnehmen, der ihre klinischen Entscheidungen potenziell beeinflussen kann, hat eine systematische Überprüfung der zahnärztlichen Literatur keine experimentellen Studien identifiziert, die die Auswirkungen von Stress oder verschiede- nen Stressfaktoren auf die Leistung der Zahnärzte bewerten. Im Gegensatz dazu gibt es zahlreiche Belege aus anderen medizinischen Bereichen, welche zeigen, dass der Zeitdruck die Entscheidungsfindung und die diagnostische Genauigkeit von Gesundheits- experten sowie deren psychomotorische Leistungs- und Handlungskompetenz beeinflusst.

Obwohl Stress bei Zahnärzten weitverbreitet ist, gibt es nur wenige Daten über die Auswirkungen von Stressfaktoren auf die klinische Leistungsfähigkeit von Zahnärzten. Das Ziel der vorliegenden Studie war es, die Rolle des häufigen Stressfaktors Zeitdruck bei der radiologischen Diagnoseleistung von Zahnärzten zu untersuchen. 40 Zahnärzte wurden zufällig ausgewählt, um zwei Sätze von Röntgenbildern (sechs Bissflügelaufnahmen in jedem Satz) unter Zeitdruck bzw. ohne Zeitdruck auf Crossover-Basis zu befunden und einen radiologischen Bericht zu er- stellen. Der Röntgenbericht eines erfahrenen Beraters fungierte als Goldstandard, anhand dessen die diagnostischen Entscheidungen derTeilnehmer verglichen wurden, um die Sensitivität und die Spezifität zu berechnen. Die Teilnehmer bewerteten ihren Stress nach jeder experimentellen Bedingung mit einer vi- suellen Analogskala (VAS). Die VAS-Werte für Stress waren unter Zeitdruck signifikant höher als ohne Zeitdruck (Mittelwert: 55,78 versus 10,73, p < 0,0001), was darauf hinweist, dass der Zeitdruck eine Stressquelle darstellt. Die dia- gnostische Leistungsfähigkeit der Zahnärzte war beeinträchtigt und die Sensitivität unter Zeitdruck deutlich geringer (Median: 0,50 versus 0,80, p < 0,0001), aber im Gegensatz dazu betrug die mediane diagnos- tische Spezifität unter beiden Bedingungen 1,00.

Der Zeitdruck beeinflusst einen Aspekt der Dia- gnoseleistung von Zahnärzten negativ, nämlich die Sensibilität (erhöhte Diagnosefehler und Übersehen von Pathologien), was sich potenziell auf die Patien- tensicherheit und die Qualität der erbrachten Leistungen auswirken kann. Es wurde jedoch festgestellt, dass der Zeitdruck weniger Einfluss auf die diagnostische Spezifität hat.

Schlussfolgerungen: Die vorliegende Studie hat gezeigt, dass sich die diagnostische Leistungsfähigkeit (Sensitivität) von Zahnärzten bei der Untersuchung von Bissflügel-Röntgenaufnahmen unter Zeitdruck signifikant verschlechtert. Diagnosefehler können die Sicherheit des Patienten gefährden, denn diese nehmen unter Umständen Schaden, wenn eine bestehende Pathologie nicht erkannt wird. Solche Fehler können medizinisch-rechtliche Folgen für die behandelnden Zahnärzte haben.

PlessasA,NasserM,HanochY,O’BrienT,DelgadoMB, Moles D. Impact of time pressure on dentists’ dia­ gnostic performance. J Dent 2019;82:38­44.